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Öffentliches Geld, öffentlicher Code – warum Open Source keine IT-Entscheidung ist, sondern eine demokratische

Software, die mit Steuergeldern entwickelt wird, gehört der Allgemeinheit – nicht dem Anbieter. Ein Essay über digitale Souveränität, Vendor Lock-in und die Frage, warum Public Money, Public Code keine Haltung ist, sondern eine Konsequenz.

Ein Essay über Software, Souveränität und die Frage, wem digitale Infrastruktur gehören sollte.


Stell dir vor, eine Gemeinde beauftragt ein Architekturbüro, eine Schule zu bauen. Der Bauplan wird fertig, die Schule steht – doch die Gemeinde darf den Bauplan nicht sehen. Sie darf ihn nicht prüfen, nicht ändern, nicht an andere Gemeinden weitergeben. Wenn die Heizung kaputt geht, muss sie zwingend das ursprüngliche Büro beauftragen. Und wenn das Büro in zwanzig Jahren schließt, weiß niemand mehr, wie das Gebäude von innen aussieht.

Kein Mensch würde das akzeptieren.

Bei Software tun wir es jeden Tag.


Was „Public Money – Public Code” bedeutet

Die Idee ist so einfach, dass man sich fragt, warum sie nicht schon längst Standard ist: Software, die mit öffentlichen Mitteln entwickelt wird, soll der Öffentlichkeit gehören. Nicht dem Anbieter. Nicht dem Ministerium. Der Gesellschaft.

„Public Money – Public Code” ist der Name einer Kampagne der Free Software Foundation Europe (FSFE) – aber dahinter steckt weit mehr als ein Slogan. Es ist eine Grundsatzfrage darüber, wie demokratische Gesellschaften ihre digitale Infrastruktur organisieren wollen.

Und diese Frage ist dringlicher denn je.


Das Problem mit proprietärer Software in Behörden

Wenn ein Schulträger, ein Landratsamt oder ein Ministerium Software von einem privaten Anbieter kauft, passiert folgendes: Öffentliche Gelder fließen in die Entwicklung. Das Produkt entsteht. Doch der Quellcode bleibt Eigentum des Unternehmens.

Das hat konkrete Folgen:

Abhängigkeit. Wer einmal auf eine proprietäre Plattform migriert ist, steckt fest. Datenmigration ist teuer, Alternativen sind selten kompatibel, und der Anbieter weiß das. Die Preise steigen – nicht weil die Software besser wird, sondern weil der Wechsel schmerzhaft ist. In der Ökonomie nennt man das Vendor Lock-in. In der Politik nennt man es Erpressbarkeit.

Intransparenz. Niemand kann prüfen, was die Software wirklich macht. Welche Daten werden gesammelt? Wohin fließen sie? Gibt es Sicherheitslücken? Der Bürger, dessen Daten verarbeitet werden, hat keine Möglichkeit zur Kontrolle. Die Behörde, die den Vertrag unterschrieben hat, meistens auch nicht.

Verschwendung. Hunderte Schulen, Hunderte Gemeinden, Hunderte Behörden kaufen dieselbe Lösung – jede zahlt die volle Lizenz. Dabei hätte eine einzige gut finanzierte Open-Source-Entwicklung allen gleichzeitig nützen können. Das Geld ist weg, der Code gehört trotzdem nicht der Allgemeinheit.

Kontrollverlust. Wenn ein Anbieter entscheidet, ein Produkt einzustellen, ein Feature zu entfernen oder die Konditionen zu ändern, haben Behörden kaum Handhabe. Sie sind Kunden, keine Eigentümer.


Warum das eine demokratische Frage ist

Man könnte einwenden: Das ist doch nur ein IT-Problem. Beschaffung, Vergabe, Technik – Verwaltungskram.

Nein.

Digitale Infrastruktur ist heute das, was Straßen, Wasserversorgung und Stromnetze im 20. Jahrhundert waren: grundlegende Daseinsvorsorge. Schulen laufen auf Software. Verwaltungen laufen auf Software. Wahlen werden auf Systemen abgewickelt, die auf Software basieren. Sozialhilfe wird durch Algorithmen bemessen.

Wenn diese Infrastruktur in privaten Händen liegt und der Allgemeinheit verschlossen ist, ist das kein technisches Versagen. Es ist ein demokratisches.

Eine freie Gesellschaft braucht Transparenz über die Systeme, die sie steuern. Sie braucht die Möglichkeit, diese Systeme zu prüfen, zu kritisieren und zu verändern. Sie braucht Unabhängigkeit von einzelnen Unternehmen, deren Interessen nicht zwingend mit dem Gemeinwohl übereinstimmen.

Open Source ist nicht links oder rechts. Es ist eine Frage von Souveränität.


Was Open Source in der Praxis ermöglicht

Wenn öffentlich finanzierte Software als Open Source veröffentlicht wird, passiert etwas Interessantes: Der Code gehört allen, also kann er von allen verbessert werden.

Eine Schule in Bayern findet einen Fehler – und behebt ihn für alle Schulen in Deutschland. Eine Gemeinde in Niedersachsen entwickelt ein Feature für ihren Kontext – und Gemeinden in Brandenburg, Sachsen und Österreich können davon profitieren. Sicherheitsforscher können den Code prüfen und Lücken melden, bevor sie ausgenutzt werden.

Das ist keine Utopie. Das ist, wie Linux, Firefox, Nextcloud, LibreOffice und hunderte andere Projekte tatsächlich funktionieren. Infrastruktur, die heute Milliarden Menschen nutzen, wurde so gebaut: offen, kollaborativ, transparent.

Das Argument „Open Source ist unsicher, weil jeder den Code sieht” ist dabei seit Jahrzehnten widerlegt. Sicherheit durch Geheimhaltung ist eine Illusion. Echter Schutz entsteht durch viele Augen, die denselben Code lesen – nicht durch einen Anbieter, der hofft, dass die Lücken nicht gefunden werden.


Schulen als Testfall

Nirgendwo ist die Frage drängender als in Schulen.

Dort werden die sensibelsten Daten von Minderjährigen verarbeitet: Noten, Anwesenheiten, Verhaltensberichte, Lernsoftware-Protokolle. Dort arbeiten Lehrerinnen und Lehrer unter Zeitdruck mit Systemen, die sie nicht verstehen und nicht beeinflussen können. Dort werden Kinder mit Plattformen sozialisiert, die von US-Konzernen betrieben werden – mit Nutzungsbedingungen, die kein Elternteil wirklich gelesen hat.

Gleichzeitig sind Schulen chronisch unterfinanziert. Jede Lizenz, die an einen proprietären Anbieter fließt, fehlt für Personal, Material, Ausstattung.

Eine Open-Source-Plattform, die einmal gut entwickelt und gepflegt wird, kann von tausend Schulen genutzt werden – ohne dass jede einzelne nochmals zahlt. Sie kann lokal betrieben werden, sodass keine Daten in fremde Rechenzentren fließen. Sie kann angepasst werden, wenn eine Schule besondere Anforderungen hat. Und sie kann von der Community verbessert werden, wenn jemand einen Fehler findet.

Das ist kein Idealismus. Das ist schlicht die effizientere und souveränere Lösung.


Was sich ändern muss

Die Forderung ist einfach: Wer mit Steuergeldern Software entwickeln lässt, soll den Quellcode öffentlich zugänglich machen. Nicht als Option, sondern als Standard.

Das bedeutet nicht, dass Unternehmen nichts mehr verdienen dürfen. Open Source braucht Finanzierung – durch Hosting, Support, Anpassung, Schulung. Geschäftsmodelle existieren. Sie sind nur transparenter und fairer.

Es bedeutet auch nicht, dass jede Behörde sofort alles neu bauen muss. Migration braucht Zeit. Aber jede neue Ausschreibung, jedes neue Projekt, jedes neue System könnte von Anfang an so gestaltet werden, dass es der Allgemeinheit gehört.

Einige europäische Länder gehen diesen Weg bereits. München hat Rückschläge erlebt und daraus gelernt. Frankreich investiert in souveräne Open-Source-Infrastruktur. Die EU-Kommission betreibt eigene GitLab-Instanzen. Das Momentum ist da.


Keine Haltung – eine Konsequenz

„Haltung” ist ein Wort, das gerade überall steht. In Leitbildern, Unternehmensberichten, Wahlprogrammen. Es ist so oft benutzt worden, dass es kaum noch etwas bedeutet. Jedes Unternehmen hat eine Haltung. Jede Partei. Jede Marke.

„Public Money – Public Code” ist keine Haltung. Es ist eine logische Konsequenz.

Wenn öffentliche Infrastruktur öffentlich finanziert wird, sollte sie öffentlich zugänglich sein – nicht weil das irgendwie fortschrittlich klingt, sondern weil das einfach folgerichtig ist. Transparenz ist keine Tugend, die man sich leisten muss. Sie ist die Voraussetzung dafür, dass demokratische Kontrolle überhaupt funktioniert. Unabhängigkeit von Einzelanbietern ist kein Idealismus – sie ist Risikomanagement.

Und dass Kinder in öffentlichen Schulen nicht das Datenmaterial für private Plattformen sein sollten, ist keine mutige Überzeugung. Es sollte der kleinste gemeinsame Nenner sein.

Software, die mit dem Geld aller bezahlt wurde, gehört allen. Nicht als Statement. Als Selbstverständlichkeit.

Dass es das noch nicht ist, sagt mehr über uns aus als über die Technik.


Dieser Beitrag erscheint auf dem Blog von openschooldesk – einer Open-Source-Plattform für Schulen, die auf UCS@school von Univention aufbaut und unter AGPLv3 lizenziert ist.

Dr. Sarah Ahlbrecht
Dr. Sarah Ahlbrecht
Promoviert in Erziehungswissenschaften mit Schwerpunkt Mediendidaktik. Nach der Promotion als wissenschaftliche Referentin in der Bildungspolitik tätig, mit Fokus auf die Koordination erster Digitalisierungsprojekte auf Länderebene. Wechsel in die Beratung über ein Forschungsprojekt zur DSGVO-konformen Lernplattformauswahl im Auftrag eines Landesministeriums. Heute freiberufliche Beraterin für Schulträger und Kultusministerien bei der strategischen Planung digitaler Infrastrukturen. Lehrauftrag für „Digitale Bildung und Schulentwicklung" an einer niedersächsischen Hochschule. Privat betreibt sie eine kleine Imkerei — und ist überzeugt, dass man beim Umgang mit Bienen sehr viel über Geduld und Systemdenken lernt.

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